Die Marienkirche in Berlin-Mitte wird im Herbst 2001 eine neue Orgel bekommen. Da noch Reste von etwa 20 Registern und der Hauptteil des Gehäuses der alten Orgel des Berliner Orgelbauers Joachim Wagner von 1723 erhalten sind, liegt es nahe, Pfeifen und Gehäuse zu restaurieren und in einen Neubau einzubeziehen.
Die wechselvolle Geschichte dieses Instrumentes wird anhand der folgenden Übersicht deutlich:
Historische Rekonstruktion oder Neubau "im Sinne Wagners"
Eine historische Orgel zu rekonstruieren bedeutet, sie originalgetreu nachzubauen. Das kann zweckmäßig sein, wenn die Musik dieser Zeit originalgetreu zum Klingen gebracht werden soll, zum Beispiel im Rahmen der Ausbildung an Hochschulen. In der heutigen musikalischen Praxis und im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten reichen die Möglichkeiten, die eine Rekonstruktion bieten würde, aber nicht aus.
Deshalb hat sich die Kirchengemeinde auf Empfehlung der Orgelkommission für einen
"Neubau auf der Grundlage der Disposition und Gesamtkonzeption Wagners unter Einbeziehung des vorhandenen historischen Pfeifenbestandes (Tonhöhe 440 Hz, Temperatur nicht gleichschwebend)"
ausgesprochen. Die Ausführung liegt in den Händen der durch Neubauten und Restaurierungen ausgewiesenen und weltweit anerkannten Orgelbaufirma Alfred Kern & Fils aus Straßburg. Der Neubau wird im Herbst 2000 begonnen und wird im Sommer 2001 abgeschlossen sein.
Auf einige Details des Neubaus sei hingewiesen:
1. Gehäuse
Die Gehäusetiefe wird auf den ursprünglichen Zustand zurückgeführt. Die seitlichen Ergänzungen aus dem 19. Jahrhundert werden beseitigt. Das Gehäuse bekommt hinter Pedal und Oberwerk eine neue Rückwand. Das Hinterwerk in Höhe des Hauptwerkes bekommt ein eigenes Gehäuse, ebenso die Balganlage. Die Bälge sollen sichtbar bleiben, und das Gehäuse von Hinterwerk und Balganlage soll für Besucher begehbar sein. Dadurch ist ein Blick auf die Schutzmantel-Madonna an der Westwand des Kirchenschiffes möglich.
Restaurator J. Pröll aus Matzendorf, Österreich, wird die Gehäusefront unter Beibehaltung der Veränderungen von 1908 restaurieren und farblich ergänzen. Im Spieltischbereich soll erkennbar sein, daß die Wagner-Orgel ein Neubau ist.
2. Historisches Pfeifenmaterial
Die noch erhaltenen Pfeifen aus der Zeit Joachim Wagners werden sorgfältig restauriert und auf den Zustand von 1723 zurückgeführt. Da die Stimmen im Laufe der Zeit mehrfach umgestellt und unter Hinzufügen neuer Pfeifen zu neuen Registern zusammengestellt wurden, ist keines der historischen Register original erhalten. Die deshalb zu ergänzenden Pfeifen werden so rekonstruiert, dass die Register mit historischem Anteil wieder dem Original entsprechen.
Die verloren gegangenen Register werden nach historischen Vorbildern in anderen Orgeln rekonstruiert. Die alten Pfeifen, die ursprünglich einen halben Ton höher klangen, werden mensurgetreu eingegliedert. Die Temperierung erfolgt nach Werckmeister III.
3. Windladen und Mechanik
Die technische Anlage wird in enger Anlehnung an die noch gut erhaltenen Instrumente in Brandenburg und Angermünde gebaut. Durch Aufzeichnungen aus den Jahren vor 1908 ist es auch möglich, die Traktur für das dritte Manual zu rekonstruieren. Bei der Gestaltung der Windladen und Trakturen wird der Wagner-Forscher Claus-Peter Schulze mitwirken.
Da historische und historisch gebaute Orgeln den heutigen Klimaverhältnissen nicht gewachsen sind, wird bei den Windladen eine klimaverträgliche Bauweise angewendet. Zwei Manualkoppeln und eine Pedalkoppel werden in moderner Bauweise, aber verträglich mit den historischen Konzepten, angelegt
4. Klaviaturumfang und Spieltischmaße
Die Manualklaviaturen hatten einen Umfang von C, D bis c3 und die Pedalklaviatur einen Umfang von C, D bis d1. Bei einer originalgetreuen Rekonstruktion hätte man auf Cs und vor allem auf eine Erweiterung der Klaviaturen im Diskant verzichten müssen.
Da im Gehäuse genügend Raum in der Breite und in der Tiefe zur Verfügung steht und der Orgelbauer nicht an historische Windladen gebunden ist, wird der Tonumfang um Cs und in den Manualen um cs3 bis f3 erweitert.
Bei den Spieltischmaßen sind Kompromisse unvermeidlich, die aber das Original respektieren und keinen Einfluß auf die Trakturführung haben dürfen. Dies betrifft insbesondere den Pedaleinschub und etwas längere Manualuntertasten. Als Vorbild für die Manualklaviaturen dienen die Manuale in Wusterhausen/Dosse.
5. Balganlage
Die Orgel erhält sechs Keilbälge, die in zwei Gruppen zu je drei Stück übereinander unter dem Hinterwerk zu stehen kommen. Ein Vorbild für die Keilbälge gibt es in Wusterhausen/Dosse. Zusätzlich erhält die Orgel ein elektrisches Gebläse.
Zusammenfassung
Der mehrfach vorgetragene Wunsch, eine originalgetreue Orgel wiedererstehen zu lassen, ist ein legitimes Anliegen, handelt es sich doch bei der Orgel in der Marienkirche um das Schlüsselinstrument für den Orgelbau in der Mark Brandenburg bis 1880. Die geringe noch erhaltene Substanz reicht jedoch nicht aus, um eine kompromißlose Rekonstruktion zu rechtfertigen. Vor allem sind keine Windladen mehr erhalten, auf die Rücksicht genommen werden muß, und das Pfeifenmaterial ist übermäßig stark verändert worden. Die Restaurierung der zum Teil stark verunstalteten Wagner-Register dagegen steht außer Frage.
Die Betreuung dieses Projektes seitens der Gemeinde und der Ev. Landeskirche liegt in den Händen des Sachverständigen Prof. Dr. Uwe Pape, Berlin. Der Neubau wird durch Spenden an die Gemeinde und an den Förderkreis sowie durch eine Zuwendung der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin finanziert.
Disposition
Die ursprüngliche Disposition wird um 5 Register erweitert, die Wagner in anderen dreimanualigen Orgeln gebaut hatte. Diese Register, darunter drei Zungenstimmen, werden wie die verloren gegangenen Stimmen so weit wie möglich mensurgetreu rekonstruiert. Dies ist anhand entsprechender Vorbilder in erhaltenen Wagner-Orgeln möglich.
Die Orgel wird folgende Klanggestalt erhalten:
| Hauptwerk | Oberwerk | |||
| Principal | 8´ | Principal | 8´ | |
| Viole di Gambe | 8´ | Qvintadena | 16´ | |
| Bordun | 16´ | Salcional* | 8´ | |
| Rohrflöt | 8´ | Gedackt | 8´ | |
| Cornet 5fach [Discant] | Octav | 4´ | ||
| Octav | 4´ | Fugara | 4´ | |
| Spitzflöt | 4´ | Nassat | 3´ | |
| Qvinta | 3´ | Octav | 2´ | |
| Octav | 2´ | Tertie | 1 3/5´ | |
| Scharff 5fach | 1 1/2´ | Sifflöt | 1´ | |
| Cimbel 3fach | 1´ | Mixtur 4fach | 1 1/2´ | |
| Fagott* | 16´ | Oboe* | 8´ | |
| Trompet | 8´ | |||
| Pedal | Hinterwerk | |||
| Principal-Bass | 16´ | Gedackt | 8´ | |
| Violon | 16´ | Qvintadena | 8´ | |
| Octav* | 8´ | Echo zum Cornet 5fach | ||
| Gembßhorn | 8´ | Octav | 4´ | |
| Qvinta | 6´ | Rohrflöt | 4´ | |
| Octav | 4´ | Octav | 2´ | |
| Mixtur 6fach | 2´ | Waldflöt | 2´ | |
| Posaune | 16´ | Qvinta | 1 1/2´ | |
| Trompet | 8´ | Cimbel 3fach | 1´ | |
| Cleron* | 4´ | Vox humana | 8´ |
Tonhöhe: 440 Hz, Temperierung nach Werckmeister III.
* = zusätzliche Register gegenüber der ursprünglichen Disposition (Vox humana 8´ stand früher im Oberwerk)